Franziska Schreiber

Kulturgeschichte der Kuh:

Rinder waren in allen frühen Religionen in Rituale einbezogen. Bereits 5000 vor Christus nennen die Veden heilige Kühe. In der Mythologie Indiens verkörpert die Kuh die mütterlich nährenden Kräfte der Erde, Stiere oder Bullen wurden als Sinnbild der männlichen Zeugungskraft verehrt. Rinder waren traditionelle Arbeitstiere, darüber hinaus dienten sie als Nahrungslieferanten und Opfergabe. Ihre Produkte sind noch im heutigen Indien von lebenswichtiger ökonomischer sowie von ritueller Bedeutung. Die Göttin Shakti (Sanskrit: Kraft) soll den männlichen Göttern bei der Tötung des Stierdämons Mahisha beistehen.

Schnitzereien und Reliefs auf mesopotamischen Siegeln zeigen Szenen mit pflügenden und melkenden Menschen, außerdem Karren, die wahrscheinlich von Ochsen gezogen wurden. Der „heilige, stößige Himmelsstier“ wird im Gilgameschepos und in der Enlilsage auf sumerischen Tontafeln mehrfach erwähnt. Gilgamesch und Enkidu töten gemeinsam den Himmelsstier. Der Name der Stadt Ur oder Uruk in Mesopotamien bezieht sich unmittelbar auf den Stier (Ur = Auer). In Nimrud, einer Ruinenstätte am Tigris, wurden an Tempelanlagen kolossale, geflügelte Stiere gefunden.

In Ägypten wurde der heilige Apisstier als Gottheit verehrt. Priester eines Stierheiligtums (Serapion) bei Luxor wählten jeweils einen Stier aus, der als Inkarnation der Apis-Gottheit verehrt wurde. Nach seinem Tod wurde dieser Stier einbalsamiert und in einem Steinsarkophag aus Granit bestattet. Aus dem Totenbuch der Ägypter: Gruß dir, Osiris, du Stier der Amenti! (1) Für die Ägypter war Sarapis (oder Serapis) die menschliche Manifestation des heiligen Stieres Apis. Apis (griech. Form des ägyptischen Wortes Hapi = der Eilende) ist ein Stiergott, der als Inkarnation des Osiris oder des Ptah galt. Sein Heiligtum, das Apieion, lag unmittelbar beim Tempel des Ptah in Memphis. Apis wird manchmal auch als Mann mit Stierkopf dargestellt. Hathor, in der ägyptischen Mythologie Himmelsgöttin und Himmelskönigin, wurde oft der griechischen Göttin Aphrodite gleichgesetzt. Darstellungen zeigen Hathor als mit Sternen übersäte Kuh oder als Frau mit Kuhkopf.

In Kreta soll der Minotaurus, eine Menschengestalt mit Stierkopf, die beherrschende Gottheit gewesen sein, die in einer labyrinthartigen Tempelanlage verehrt wurde. Die Athener mussten der Sage nach jährlich dieser Gottheit sieben Jungfrauen opfern, bis Theseus die Athener von diesem Tribut befreite. Das Stierspringerfresko aus dem Palast von Knossos, eine Kultszene, weist deutlich auf einen Stierkult auf Kreta hin, stammt jedoch aus der minoischen Zeit, also lange bevor die Griechen auf Kreta erscheinen.

Der Göttervater Zeus trat häufig in Gestalt eines Stieres unter die Menschen. In dieser Inkarnation, in der Gestalt eines schönen haselnussbraunen Stieres, überraschte er Europa, die schöne Tochter eines griechischen Königs, am Strand des Meeres und entführte sie.

Kadmos, Bruder der Europa, bekam vom Orakel zu Delphi den Auftrag, eine Stadt zu gründen. Er werde außerhalb von Delphi auf eine junge Kuh stoßen, dieser solle er folgen und an der Stelle, wo sie sich niederlege, die Stadt (Theben) erbauen. Hera, Zeus´ Gemahlin, wird in der Ilias im Kapitel „Die Verführung des Zeus“ mit dem Beiwort „boopis“ = kuhäugig bedacht. Augias, der Sohn des Gottes Helios, besaß eine unermesslich große Herde Vieh, einschließlich zwölf weißer Stiere, die dem Helios geweiht waren.

Im Mithraskult, einer der bedeutenden Religionen des Römischen Reiches, in deren Mittelpunkt Mithras, der alte persische Gott des Lichts und der Weisheit stand, soll Mithras den göttlichen Stier getötet haben, aus dessen sterbendem Körper alle der Menschheit nützlichen Pflanzen und Tiere entsprungen seien.

Die Samniten waren der Sage nach eigentlich Sabiner, von denen sie sich im Zuge eines Ver sacrum trennten: Die während des Ver sacrum Geborenen mussten sich, wenn sie herangewachsen waren, neue Wohnsitze suchen. Die diesem Ritus geweihten Kinder der Sabiner sollen sich bei ihrer Auswanderung der Führung eines heiligen Stieres anvertraut haben und von ihm nach Süden geführt worden sein, wo sie die Stadt Bovianum (von lat. bos=Stier) gründeten.

Das Bukranion ist eine antike Ornamentform mit einem dekorativen Motiv eines Stierkopfes mit Gehörn, im Alten Orient ein gemaltes Stierkopfmotiv in der Keramik; in der Renaissance wurde das Bukranion wieder aufgenommen.

In den germanischen Göttersagen taucht die Urkuh Audumla auf. Diese hornlose Kuh war sehr milchreich. Vier fette Ströme flossen aus ihrem Euter. Und die Urkuh Audumla nährte sich, da doch kein Gras wuchs, von den salzigen Eisblöcken.(3)

Im Koran heißt die 2. Sure Die Kuh und weist uns direkt in das Altes Testament: Numeri 19: Asche einer rotfarbigen Kuh und ihre Verwendung. Deuteronomium 21,3-9: Opferung einer jungen Kuh.

Die lettische blaue Kuh: je nach Lichtverhältnissen sehen die Kühe grau oder schimmernd hellblau aus. Wissenschaftler sollen belegt haben, dass es solche blauen Kühe auch in Schweden gegeben habe, die weltweit verbliebenen ca. 100 Exemplare lebe zum größten Teil in Lettland an der Küste. Man kann sie z.B. im Wildpark Kalvene sehen. Nach einer alten lettischen Sage kommen die blauen Kühe (auch Mondkühe oder Meereskühe genannt) an ruhigen, nebeligen Morgen einzeln oder in Herden aus dem Meer. Wenn der Mensch sich ihnen nähert, verschwinden sie plötzlich und hinterlassen einen blauen Dunst oder gehen ins Meer zurück, wo sie leben.(8)

Lebendige Spuren von Rinderkult finden sich auch im deutschsprachigen Raum sowohl in Süddeutschland als auch in Österreich wie etwa der Almabtrieb im Herbst und der besonders geschmückte Pfingstochse. In Bayern wurde eine 6000 Jahre alte Stierplastik gefunden. Vermutlich seit der Hallstattzeit galt der Stier als heiliges Tier. Die Salzburger wurden im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit „Stierwascher“ genannt. Eindeutig sind auch die Stierkämpfe Spaniens und Südfrankreichs kultischen Ursprungs wie auch das Stierhetzen ohne Töten in anderen Ländern.

(1) http://www.lyrik.ch/lyrik/spur1/gilgame/gilgam02.htm
(2) Encarta
(3) Germanische Göttersagen, Reclam 1992 (Nr.8750)
(4) Wikipedia
(5) Koran
(6) AT
(7) Hunger: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Rowohlt, 1976
(8) http://www.letin-lover.de/2008/08/17/die-lettische-blaue-kuh/

Florian Werner: Die Kuh. Leben, Werk und Wirkung. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München, 2009